Echt oder Hype? KI im Auto: Zwischen Serienreife und Pilotbetrieb
Sprachassistenten und KI im Fahrzeug klingen nach Zukunft, doch der Blick auf die echten Fälle zeigt ein differenziertes Bild.
Das Versprechen klingt verlockend: Das Auto als intelligenter Begleiter, der auf natürliche Sprache reagiert, Kontext versteht und dabei lernt. Die Automobilindustrie bewirbt KI im Fahrzeug seit Jahren als die nächste große Revolution. Aber was steckt wirklich dahinter, wenn man die konkreten Fälle aufdröselt?
Volkswagen liefert das stärkste Argument für die Echt-Seite. Der Konzern hat ChatGPT über Cerence Chat Pro in den serienmäßigen IDA-Sprachassistenten integriert, und zwar ohne Extrakonto, ohne zusätzliche App. Ab dem zweiten Quartal 2024 ist das in vielen Serienfahrzeugen Standard, in fünf Sprachen. Das ist kein Showroom-Demo, das rollt auf der Straße. BMW Group zeigt wiederum, dass KI im automobilen Umfeld nicht zwingend im Innenraum stattfindet: Car2X verwandelt jedes Fahrzeug auf dem Produktionsband in einen aktiven Teilnehmer des industriellen IoT-Ökosystems, erkennt Montagefehler und kommuniziert in Echtzeit mit Mitarbeitern und Produktionssystemen. Auch das läuft skaliert.
Auf der anderen Seite steht Mercedes-Benz. Der Stuttgarter Hersteller hat ChatGPT über den Azure OpenAI Service von Microsoft in den MBUX-Assistenten "Hey Mercedes" eingebunden, um kontextbezogene, mehrschrittige Gespräche zu ermöglichen. Klingt ähnlich wie Volkswagen, ist es aber nicht: Das Programm startete im Juni 2023 als Beta mit einer Laufzeit von drei Monaten, beschränkt auf Fahrer in den USA. Ein Pilot. Wie es danach weiterging, ist aus dem Fall nicht ableitbar.
Zwei der besprochenen Fälle haben mit KI im Auto im eigentlichen Sinne wenig zu tun. Die Stadt Midland erfasst mit LiDAR-Fahrzeugen und KI-Unterstützung über 40.000 Stadtbäume, ein eindrucksvolles kommunales Projekt, aber kein Fahrzeug-KI-Anwendungsfall im klassischen Sinne. AIDA Cruises modernisiert gemeinsam mit Cisco die Netzwerkinfrastruktur seiner Schiffsflotte, plant agentic AI und prädiktive Analytik, befindet sich aber noch in der Pilotphase. Beide Fälle zeigen, wie breit das KI-Label inzwischen gestreut wird.
Das Urteil fällt deshalb gemischt aus. Wo Volkswagen und BMW Group tatsächlich skalierte Systeme betreiben, bleibt Mercedes-Benz auf Pilotebene. Die anderen Fälle berühren das Kernthema nur am Rand. KI im Auto ist also weder reiner Hype noch schon flächendeckende Realität, sondern beides gleichzeitig, je nach Hersteller und Anwendungsfeld.
Takeaway: Wer wissen will, ob KI im Auto mehr als Marketing ist, sollte genau hinsehen, wer ein Seriensystem ausrollt und wer noch testet. Der Unterschied zwischen einem dreimonatigen Beta-Programm und einer Standardfunktion in Serienfahrzeugen ist erheblich, auch wenn beide in der Pressemitteilung ähnlich klingen.
Fälle dazu
- BMW GroupBMW Car2X: KI-gestützte Echtzeit-Kommunikation zwischen Fahrzeug und Produktionssystem
- VolkswagenVolkswagen integriert ChatGPT als Standardfunktion in den Fahrzeug-Sprachassistenten IDA
- Mercedes-BenzMercedes-Benz integriert ChatGPT in den Fahrzeug-Sprachassistenten „Hey Mercedes"
- City of Midland (Forestry Division)Midland (Michigan): KI-gestützte LiDAR-Bauminventur für 40.000 Stadtbäume
- AIDA CruisesAIDA Cruises: Netzwerkmodernisierung mit digitalem Zwilling und Einstieg in prädiktive KI
Einordnung auf Basis der im Register dokumentierten Fälle und ihrer Quellen. Reifegrad und Verlauf je Fall sind auf der jeweiligen Fallseite belegt.
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